Was ist eine binationale Beziehung?
Was ist eine binationale Beziehung? Was bedeutet es für ein Paar in Deutschland, wenn beide Partner*innen aus verschiedenen Ländern kommen?…
Was ist eine binationale Beziehung?
Was bedeutet es für ein Paar in Deutschland, wenn beide Partner*innen aus verschiedenen Ländern kommen? Genau genommen können Länder in Zeiten von Migration und Digitalisierung gar nicht als abgeschlossene Einheiten sprachlicher, kultureller oder religiöser Zugehörigkeit betrachtet werden, was der Begriff „binational“ aber suggeriert. Ebenso wenig sind Kulturen eigene, statische, in sich geschlossene Systeme. Kulturen sind vielmehr dynamisch, einem ständigen Wandel ausgesetzt und nicht (nur) innerhalb eines abgrenzbaren geografischen Raumes lokalisierbar. Deshalb verzichte ich bewusst auf den Begriff „bikulturell“ – es ist eben nicht zwangsläufig so, dass in der Beziehung zwei Menschen mit komplett unterschiedlichen kulturellen Werten, Normen und Handlungsweisen aufeinandertreffen, und diese Menschen deshalb Tag für Tag vor der großen Herausforderung stehen, irgendwie zu Kompromissen zu finden. Natürlich gibt es Schwierigkeiten, die tatsächlich auf verschiedenen kulturellen oder religiösen Werten beruhen, doch die meisten Schwierigkeiten sind die, die in allen Paarbeziehungen auftreten können.
Was unterscheidet eine binationale Beziehung von anderen Paarbeziehungen?
Der Unterschied ist, dass bei binationalen Paaren diese „normalen“ Schwierigkeiten oftmals als „kulturell bedingt“ interpretiert werden – sowohl vom Paar selbst als auch von Außenstehenden.
Zu Beginn der Beziehung zwischen Léo und mir trat beispielsweise häufig der Konflikt auf, dass ich Entscheidungen, z. B. was wir kochen oder unternehmen wollten, gerne gemeinsam treffen wollte. Ich stellte es mir so vor, dass wir beide unsere Sichtweisen teilen und im Gespräch gemeinsam zu einer Lösung finden. Léo war von diesem Vorgehen nicht begeistert. Seiner Vorstellung nach sollte entweder ich oder er entscheiden. Das war damals (vor 11 Jahren) für mich ein klarer Fall eines interkulturellen Konflikts, was das Problem auch gleich viel schwerwiegender machte. In Deutschland diskutiert man Dinge aus, und in Kamerun eben nicht, dachte ich mir. Rückblickend halte ich das eher für einen klaren Fall von Kulturalisierung. Ich hatte einen universell möglichen Konflikt, der in jeder Beziehung auftreten könnte, auf unsere verschiedenen „Kulturen“ bezogen. Grund für solche Denkmuster ist unser Denken in Vorurteilen und Stereotypen.
Warum neigen wir überhaupt zum Denken in Stereotypen?
Stereotype helfen uns, die Welt zu ordnen. Sie bewahren uns davor, von einer Flut an Informationen überrollt zu werden, indem sie die Informationen in Schubladen einordnen und sie somit übersichtlich und handhabbar gestalten. An sich also eine sehr praktische Funktion. Nicht umsonst bedeutet das Wort „diskriminieren“ an sich zunächst nicht mehr als „unterscheiden“. Die kritische Frage ist – werden unsere Schubladen der Information – über eine Person, eine Gruppe – gerecht? Wer diskriminierungssensibel denken und handeln möchte, sollte sich diese Frage unbedingt stellen.
Für ein binationales Paar kann es sehr belastend sein, wenn aus dem sozialen Umfeld, sei es die Familie, Freund*innen, Kolleg*innen oder Nachbar*innen, Fragen über die Beziehung gestellt oder Zweifel geäußert werden, die anderen Paaren nicht gestellt werden – zum Beispiel wurde ich von einer Freundin gefragt, ob ich mir sicher sei, dass Léo treu sein würde, da er ja aus einer „Kultur“ käme, in der Polygamie herrscht. Dabei ist die Polygamie wie die Monogamie eine Beziehungsform, für die sich alle Beteiligten freiwillig entscheiden. Wie treu oder untreu sich die Personen dann letztendlich verhalten, ist von dieser Beziehungsform vollkommen unabhängig.
Binationale Beziehungen können rassistische Denkweisen offenlegen
Das Leben in einer binationalen Partnerschaft kann, spätestens wenn ein Kind daraus hervorgeht, die Beziehungen innerhalb der Familie und auch Freundschaften auf eine harte Probe stellen – denn es ist keine Seltenheit, dass dann rassistische Denkweisen zutage treten. Es kommt vor, dass Menschen den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, nicht zuletzt zum Schutz des eigenen Kindes oder der eigenen Kinder vor Rassismus. Beste Freundschaften können daran zerbrechen.
Doch eine binationale Beziehung kann für Familie und Freund*innen – sowie für den*die weiße*n Partner*in in der Beziehung selbst – auch Anlass sein, „Happyland“ (Tupoka Ogette) den Rücken zu kehren und sich auf die eigene rassismuskritische Reise zu begeben. Manche Familien knüpfen bewusst neue Kontakte mit Gleichgesinnten. Wir leiten dafür gemeinsam mit anderen Eltern über den Verband für binationale Familien und Partnerschaften eine afrodeutsche und eine interkulturelle Spielgruppe. Hier kommen Familien zusammen, in denen Eltern und Kinder ähnliche Erfahrungen machen. Sie sollen ein Schutzraum und ein Raum für Empowerment sein. Die Kinder können neben der Beschäftigung mit Mehrsprachigkeit, diversitätssensiblem Spielzeug, Büchern, Liedern und Aktivitäten in der afrodeutschen Gruppe eine Mehrheitserfahrung machen: Sie sind umgeben von Kindern, die ihnen ähnlich sehen und die oftmals wie sie mehrere Sprachen sprechen, während sie in Kita meistens eines der wenigen oder die einzigen Schwarzen Kinder sind. In der interkulturellen Gruppe können die Kinder Vielfalt als Normalität erleben, sie bekommen Einblick in verschiedene Traditionen, Feste, Religionen. Für die Eltern ist der Austausch und das gegenseitige Verständnis sehr wertvoll.
In einer binationalen Beziehung kann die Sprache eine herausfordernde Rolle spielen
Die Kommunikation als Paar geschieht meistens auf einer Sprache, die für mindestens eine Person nicht die Herkunftssprache ist und als Fremdsprache im Herkunftsland und/oder als Zweitsprache im deutschsprachigen Land gelernt wurde. Dadurch kann es schwer sein, Dinge genauso auszudrücken, wie man es möchte. Gerade wenn es um Gefühle geht, oder Gespräche gefühlvoll werden, kann die Sprache als Hindernis empfunden werden. Kennt sich eine Person sprachlich besser aus als die andere und übernimmt daher Aufgaben, die mit Kommunikation verbunden sind, kann das zu einem Gefühl der Unterlegenheit bei der anderen Person führen.
Zugleich kann es ein Erleben von Selbstwirksamkeit bringen, wenn man eine Sprache, die man zunächst als Fremdsprache gelernt hat, so gut beherrscht, dass man nahezu alles ausdrücken kann und sich fast in ihr zuhause fühlt. Léo hat Deutsch als Fremdsprache in Kamerun in der Schule gelernt, dann Germanistik erst in Kamerun und in Deutschland studiert. Jetzt unterrichtet er Kinder an deutschen Schulen im Fach Deutsch. Deutsch ist auch die Sprache, die wir hauptsächlich miteinander sprechen, während er mit den Kindern auch Französisch spricht.
Das Leben in einer binationalen Beziehung kann ein Leben zwischen zwei Welten bedeuten
– insbesondere für die Person, die ihren Lebensmittelpunkt nicht mehr im Heimatland hat. Wenn man als Familie die Möglichkeit hat, in das nicht-deutsche Heimatland zu reisen, liegt darin eine riesige Chance. Die Kinder haben die Möglichkeit, eine zweite (oder dritte) Sprache zu lernen und zu sprechen. Sie können ein Land kennenlernen, in dem möglicherweise einiges anderes ist als Deutschland. Sie lernen, dass ihr bisheriger Kosmos nicht der einzige ist; dass es noch ganz andere Arten zu leben, zu sprechen, zu spielen gibt – und entdecken trotz der vielen Unterschiede auch viele Gemeinsamkeiten. Somit erleben sie von Beginn an Vielfalt als Normalität, was sich wahrscheinlich günstig auf eine offene, vorurteilsbewusste Haltung anderen Menschen gegenüber und eine globale Weltsicht auch im Erwachsenenleben auswirkt.
Für Familien kann das Leben zwischen zwei Welten aber auch emotional belastend sein, besonders, wenn die eigene Familie auf einem anderen Kontinent lebt. Léo wünscht sich sehr, dass seine Eltern einmal ihre Enkelkinder sehen könnten. Seine Mutter wollte uns dieses Jahr besuchen kommen, doch der Plan scheiterte, weil sie kein Visum bekam. Die Bundesrepublik Deutschland fürchtete, sie könnte hier untertauchen.
Auf gesellschaftlicher Ebene begegnen binationale Paare häufig derartigen Herausforderungen. Kommt ein Partner/ eine Partnerin aus einem Drittstaat, gibt es oftmals große aufenthaltsrechtliche Hürden zu überwinden. Eine (weiße deutsche) Freundin hatte sich beispielsweise gewünscht, dass ihr Partner aus Kamerun bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes in Deutschland dabei sein würde. Bis zur Geburt hatten sie jeden Tag gehofft, dass das Visum noch rechtzeitig ausgestellt würde. Er konnte die Geburt seines Kindes nicht miterleben, das Visum bekam er einige Wochen später. Binationale Paare müssen mit Diskriminierung bei der Wohnungssuche, der Suche nach einem Kitaplatz und bei Bewerbungen umgehen.
All das ist verletzend und fordert enorme emotionale Kraft. Als Mensch, und als Paar. Doch wie in allen herausfordernden Lebenssituationen verbirgt sich hierin ein Potenzial für Wachstum – sowohl für persönliches, inneres Wachstum, als auch für Wachstum für euch als Paar. Eine binationale Beziehung kann – ebenso wie das Pflegen von Freundschaften mit Menschen mit unterschiedlichen Diversitätsmerkmalen – eine Chance sein, eigene Stereotype zu erkennen, kritisch zu hinterfragen und loszulassen. Sie kann dir helfen, dich in einer offenen, unvoreingenommenen Haltung zu üben.
Eine binationale Beziehung oder Freundschaft gibt dir die Chance, dich darin zu üben, dich gegen diskriminierendes Verhalten zur Wehr zu setzen – immer wieder aufs Neue
Du hast das Potenzial, deine eingeübten Reaktionsmuster zu unterbrechen, um aktiv und selbstwirksam zu werden. Wenn du achtsam deine Gefühle und Gedanken beobachtest, findest du die Lücke zwischen Reiz und Reaktion und kannst alternative Handlungsweisen ausprobieren.
Du hast die Kraft, etwas zu verändern.
Und diese Veränderung beginnt bei dir selbst.
Über den*die Autor*in Lisa Mauritz von Vielfalt bewusst leben
Lisa Mauritz
Als Achtsamkeits-Coach begleite ich Menschen in binationalen Beziehungen und Bezugspersonen von Kids of Color. Mein Herzensanliegen ist es, weiße Menschen für die Wirkungsweisen von (Alltags-)rassismus zu sensibilisieren und Wege zu anti-rassistischem Handeln aufzuzeigen – mit viel Wertschätzung für sich selbst und andere.

